Italo-Flash oder Venezia, die Schöne

Italo-Flash und Venezia… die Schöne

(OM-4-17) Venedig. Nebelumwobene schwarze Gondeln, die am Hafen von Venedig düster im Wasser schaukeln… Männer in dunklen, langen Umhängen, die sich beim Vorbeihuschen eine Maske vors Gesicht halten und natürlich schöne Frauen, in barocken Kleidern, die sich durch die schmalen Gassen von Venedig wiegen, um dann rasch in einem Seiteneigang der zerfallenen Patrizierhäuser zu verschwinden…
Stellen wir uns nicht alle so das alte Venedig in seinem morbiden Charme vor?Mag sein, dass wir vor allem in den dunkleren Monaten des Jahres diesen einzigartige Ausstahlung noch finden.
Doch jetzt, im Frühjahr, sprüht auch Venedig  freudig, lichtstrahlend, bunt und ganz vielfältig! Als wir unseren letzten Venedig-Aufenthalt genossen, uns durch die schmalen Gässchen dort bewegten, schien zwar immernoch die Zeit an manchem Ort stehengeblieben zu sein… doch schon nach einer weiteren Kurve, über die nächste Brücke hinweg, quoll es von Leben nur so über.

Trotzdem, dass wir einige schwere Wogen in der Nacht wieder zu erlösen hatten… denn wir kommen niemals zufällig an solche Orte in der Welt… war es tagsüber wunderbar lichtdurchwirkt und ich selbst hatte diesmal ein wunderbares Hochgefühl.

Nach einiger Zeit in der hübschen, romantischen Stadt an der Adria,  nach einigen Auf- und Abs über wenige der insgesamt 435 Brücken Venedigs, nach Espressos und schönen Musestunden dort… öffnete sich ein Zeittor, das mich in meine Vergangenheit versetzte.

Ich sah mich als Comtessa einer zwar sehr einflußreichen Familie  – die schließlich jedoch als verarmter Landadel endete. Meine Tage waren bereits gezählt, doch ich genoss in freien Zügen das einfache Leben auf dem Lande in einem heruntergekommenen Palazzo inmitten eines schönen, verträumten Olivenhains. Mühsam stütze ich mich auf meinen Krückstock, der mir half, den schönen, sonnendurchfluteten  Hain zu durchmessen, um bis ans große Steintor zu gelangen, das  für die italienischen Landsitze so typisch war.

Die Sonne brannte heiß und ich hatte irgendeinen seltsamen alten Hut aufgestülpt, der mich ein wenig vor der Hitze schützen sollte. Der Gemüsehändler wollte zu dieser Zeit vorbeischauen und ich wartete auf den jungen, schmucken Burschen, der so sehr einem meiner verflossenen Liebhaber ähnelte.
Ja, wo war die Zeit bloß hin? All die Jahre, all die schönen und eleganten Zeiten, in denen ich zu großen Festen und Empfängen eingeladen war… Lange her. Nun – ziemlich knöchern und ausgemergelt – konnte ich mich gerade so auf den Beinen halten und verbrachte meine Zeit hauptsächlich damit, die Stunden und die Olivenölflaschen zu zählen. Mir blieb noch der Chianti, von dem ich ein ganzes kühles Kellerlager voll bevorratet hatte. Was brauchte ich mehr? Was wollte ich noch?

Wie konnten die vielen Lebensjahre so schnell vorüberziehen? Als ich jung war, hatte ich zahlreiche Verehrer. Sie hielten um meine Hand an. Doch – wie es der Brauch wollte, war keiner, den ich liebte, standesgemäß genug, um als Ehemann in Frage zu kommen. Ich fristete dann viele Jahre der seelischen Einsamkeit an der Seite eines langweiligen Patrone, der zwar etwas Geld besaß, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, doch ansonsten seiner Wege ging.
Was für ein erbärmliches Leben, es war kaum genug zu Essen da oder Geld, um den heruntergekommenen Palazzo zu sanieren… An vielen Stellen regenete es herein und ich war froh, dass in den Sommermonaten alles wieder austrocknen konnte.

War es nun an der Zeit, zu gehen? Wer sollte das Gut dann übernehmen? Ich hatte keine Kinder und mein angetrauter Ehemann – Patrone – wie er sich gern nennen ließ,  hatte längst das Zeitliche gesegnet, was mir mehr entgegenkam, als es mich schmerzte.
So sann ich in der Sonne dieses schönen, frühherbstlichen Morgens am Tor meines kleinen Gutes, wo ich auf den Gemüsehändler wartete. Ich drehte meinen einzigen goldenen Ring wieder fester auf den Finger – ein Familienerbstück und alles, was mir, außer dem alten Palazzo und dem Gut noch geblieben war aus den früheren, reichen Jahren. Er funkelte in der Sonne, der schöne Rubin und erinnerte mich immer an  diese edle Zeit. Doch meine Finger waren nun so dünn, dass ich ihn leicht verlieren konnte. Ich mußte darauf Acht geben. Ich sah an mir herab. Was blieb mir, einer in die Jahre gekommenenen Comtessa, denn hier noch auf dem Lande und in der Einsamkeit? Ich hatte nicht mal mehr ein gutes Kleid, um in die Stadt zu fahren und dort auszugehen… obwohl ich die Stadt immer liebte. Dennoch war es für mich hier auf dem Lande einfacher zu leben. Vor allem, weil das Leben in der Stadt ein Vielfaches von dem verschlingen würde, was ich hier auf dem Lande für meinen Lebensabend ausgeben mußte .
Giovanni ließ sich auch diesmal Zeit mit seiner Lieferung und so blieb mir nichts weiter übrig, als mich weiter in Gedanken zu verlieren… in jener Inkarnation.

Als ich aus dem Zeitsprung aufwachte, hatte ich plötzlich einen heftigen Italo-Flash. Wir schlenderten gerade entlang des Canal Grande und ich schaute an der Spitze der Punta Della Dogana auf die einzigartige alte Lagunenstadt und übers grünlichblaue Meer… als mich eine tiefe Liebe für das schöne Italien überkam. Ich fühlte einfach jene Inkarnationen, die ich hier verlebte und was alles geschah. Ich fühlte mich so heimisch und erinnerte mich auch in Venedig an viele Plätze und Paläste so, als würde ich zu einer anderen Zeit hier öfter ein- und ausgegangen sein.
So stark kann man es nur fühlen, wenn es im eigenen Blute steckt 🙂
Eine intensive Erinnerungsenergie überschwappte mich mit einer Woge der Freude und des Hochgefühls, das noch eine ganze Weile anhalten sollte. Wow, was für ein wunderbarer Ort, dieses alte Venezia, das seine Geschichte und Geschichten in die Mauern der Palazzos eingetragen hat.
Andrea Constanze Kraus