Sich der Angst stellen

Sich der Angst stellen bedeutet Weiterentwicklung

»Habe Angst!«

von Malte Schlösser

(OM/MS-09-14). Berlin. Wir „menschlichen Tiere“ werden von zwei wesentlichen Kräften gesteuert: wir wollen unangenehme Gefühle vermeiden und angenehme Gefühle erleben. Um dies zu erreichen, strengen wir uns mitunter sehr stark an und setzen alle Energie daran, die unangenehmen Gefühle abzuwehren. Dies ist natürlich und allzumenschlich. Wenn wir erfolgreich eine Komfort-Strategie finden, den unangenehmen Gefühlen auszuweichen, kann das aber eine unangenehme Nebenwirkung haben, die wir nicht wahrnehmen: wir entwickeln uns nicht weiter.

Malte Schösser
Malte Schösser

Wer bin ich jenseits meiner Gewohnheiten?

Warum ist das so, muss mensch unbedingt durch diese Gefühle hindurch? Jeder Mensch kommt irgendwann an den Punkt, an dem er oder sie sich die Frage stellt, ob es irgendeine Notwendigkeit gibt, dass er oder sie existiert, ob das Leben einen Sinn macht und überhaupt, welche Art von Leben mensch führen will. Je mehr wir uns die unendlichen Möglichkeiten vor Augen stellen, wo, wie und mit wem wir leben wollen, stehen wir vor dem Nichts: weil es nichts und niemanden im Außen gibt, das uns sagt, wie wir leben sollen. Sobald der Mensch die gewohnten Bahnen verlässt, wird er mit der Freiheit, sich aus eigenen Stücken zu entscheiden, konfrontiert und schon stehen wir vor der Frage: welches sind denn die eigenen Stücke? Wer bin ich jenseits meiner Gewohnheiten?

Unangenehmen Gefühlen liebevolle Aufmerksamkeit schenken

Sich nicht nur gedanklich, sondern auch gefühlsmäßig, eben existenziell diesen unendlichen Lebensmöglichkeiten zu stellen, macht Angst. Angst ist gewissermaßen der Preis, es ist die andere Seite der Medaille von Freiheit. Andersrum gesagt: Wenn Du Angst hast, bist Du Deiner Freiheit möglicherweise sehr nahe. Darum drehe ich es um: Habe Angst und stell Dich Deiner Freiheit, ergreife Deine Freiheit und Deine Verantwortung. Und ich setzte paradoxerweise hinzu: Und vertraue darauf zu vertrauen. Natürlich ist das leicht gesagt, aber aufgrund der existenziellen Angst schwer getan. Daher noch einmal zurück zu den unangenehmen Gefühlen. Sie vermeiden zu wollen ist so richtig, wie es falsch ist, es kommt auf die Definition an: Solange wir Gefühle wie Traurigkeit, Angst, Schmerz, Wut als unangenehm definieren, sind sie es auch und sie gewinnen dadurch an dämonischer Kraft. Sie als bloße Gefühle zu betrachten, die auch ihre Anwesenheit und Aufmerksamkeit brauchen, in denen mitunter viel liebevolle Kraft steckt, die ausgedrückt wiederum zu angenehmen Gefühlen der Befriedigung führen, fühlt sich befreiend an.

Wenn du deinen Frieden gemacht hast, sind die Dämonen, die dich umgeben, in Wirklichkeit Engel. (Meister Eckhardt)

Wie wäre es, wir würden uns nicht mehr anstrengen, sondern die unangenehmen Gefühle einladen, mit im Orchester der Gefühlsvielfalt da zu sein. Wir würden nichts mit ihnen machen, außer sie zu fühlen, und gleichzeitig wahrnehmen, wie unser Über-Ich sie abwertet und weghaben will. Sich nicht mit den Gefühlen zu identifizieren, sondern sie liebevoll kommen und gehen zu lassen; dies wäre ein erster mystischer (buddhistischer) Schritt: den See ruhiger und klarer werden lassen, so dass man tiefer hindurch gucken kann. Wenn wir dabei merken, dass uns die Gefühle nicht nur bedrohen, können wir im zweiten Schritt uns mit ihnen zeigen, in wertschätzenden Kontakt gehen und wahrnehmen, dass uns Menschen nicht mit Beschämung, sondern mit Liebe und Anerkennung begegnen: wir müssen uns nicht anstrengen, um geliebt zu werden. So ein menschlicher Kontakt ist wie eine bunte Glasscheibe, durch die das Sonnenlicht hindurch scheint: Ein Verweis auf etwas Größeres: Eine Liebe, die uns absolut meint und genauso will, wie wir sind. Ein unendliches, göttliches Vertrauen, das größer ist als alles Diesseitige.

Kurz zusammengefasst: wenn wir aus den alltäglichen Gewohnheiten ausbrechen, werden wir unsicher und bekommen Angst – ein wichtiger Indikator auf dem Weg zur Autonomie. Wenn wir lernen, diesen Gefühlen in uns zu begegnen und sie in unser Leben zu integrieren, ihnen ihre dämonische Kraft zu nehmen, werden wir mehr und mehr in Einklang kommen mit unserem Selbst und eine bewusste freie Haltung einnehmen können. Dies gibt es sicherlich nicht als einen Endzustand, sondern ist (gottseidank) ein ständiges Lern- und Übungsfeld.

Malte Schlösser, geb. 1977, lebt mit seiner Partnerin in Berlin. Er ist Heilpraktiker (Psych.), Regisseur und Mag.  Philosoph. Außerdem Seminarleiter, systemischer Sexual- und Körperpsychotherapeut. Er bietet Seminare und Trainings sowie Einzel- und Paartherapie in Berlin und Brandenburg an. Dabei geht es ihm um die Themen Liebe, Beziehung, Kommunikation und Bewusstheit.

Malte Schlösser, Kunst des Seins – Institut für persönliche Entwicklung, info@kunstdesseins.de, www.kunstdesseins.de